Nachbehandlung nach vord. Kreuzbandoperationen:
Eine effiziente Nachbehandlung ist genauso wichtig wie eine gut durchgeführte Operation, um ein optimales Ergebnis nach einer vord. Kreuzbandersatzoperation zu erzielen.
Natürlich ist es schwierig, ein Schema für alle Patienten zu erstellen. Die nachfolgenden Rehabilitationsschritte sollten daher nur als grobes Schema für die Nachbehandlung angesehen werden, Arzt und Physiotherapeut müssen die Nachbehandlung, insbesondere die aufeinander folgenden belastungsteigernden Therapieschritte nach Zustand des Kniegelenkes individuell abstimmen.
In der Nachbehandlung unterscheiden wir 4 Phasen:
Phase 1: 1. - 2. Woche
Phase 2: 3. - 6. Woche
Phase 3: 7. - 12. Woche
Phase 4: 13. - etwa 20. Woche
Phase 1:
In der 1. bis 2. Therapiewoche, d. h. bis zur Entfernung der Hautfäden am 10. Tag,
ist das Hauptziel eine Schmerzreduktion und Verminderung der postoperativen Schwellung.
Die ersten drei Tage wird dazu das Kniegelenk in einer Kompressions- Kältebandage
stabilisiert, das angewärmte Wasser muss ständig gegen kühles Wasser aus dem bereit
gestellten Behälter ausgetauscht werden. Am 1. u. 2. Tag wird die Mobilisation mit
Gehstützen sowie ein passives Durchbewegen von der vollen Streckung bis etwa 60 bis 70 °
Beugung durchgeführt, es sollte versucht werden, die Streckung vollständig zu erreichen.
Eine forcierte Beugung sollte vermieden werden. Bei Schwellungen im Knie-
Unterschenkel-Bereich können Lymphdrainagen den Schwellungszustand vermindern. Am etwa 4.
Tag wird eine Knieschiene, z.B. Bledsoe Brace Systems angelegt, welche eine volle Streckung
aufweist und auf eine Beugung von 90 ° limitiert ist.
Die Redondrainagen werden am 1-2 Tag nach der
OP entfernt, die Mobilisation erfolgt mit Unterarmgehstützen mit erlaubtem Sohlenkontakt
von ca. 10 bis 15 kg Belastung.
Phase 2:
Hauptziel dieser Phase ist das Erreichen der freien Beweglichkeit und der Vollbelastung,
zusätzlich sollte jetzt eine Verbesserung der muskulären Anspannungsfähigkeit erzielt
werden.
Es erfolgt eine krankengymnastische Mobilisation der Kniescheibe, die Streckung sollte vollständig erreicht werden, wobei jedoch eine Überstreckung und eine zu starke Dehnung gegen Schmerz vermieden werden sollte, die Beugung sollte ca. 110 bis 120 ° betragen. Die Beugesperre der Orthese wird nach 3 Wochen entfernt, so dass jetzt hier eine freie Beugung möglich ist. Eine forcierte Beugung gegen Widerstand sollte vermieden werden, da es evtl. zu Blutergüssen an der Oberschenkelinnenseite an der Stelle der Sehnenentnahme kommen kann. Bei noch bestehenden Schwellungs- und Schmerzzuständen können abschwellende Salbenverbände angelegt werden, gegebenenfalls auch noch abschwellende Medikamente. Sollte über 4 Wochen ein stärkerer Gelenkerguss vorliegen, sollte dieser abpunktiert werden, um diese Schleimhautentzündung nicht chronisch werden zu lassen. Nach ca. 3 bis 4 Wochen kann ein Training der Muskulatur auf Kippbrettern, Therapiekreiseln und weichen Bodenmatten mit Standstabilisation durchgeführt werden (Verbessern der Propriozeption). Falls lediglich eine vord. Kreuzbandersatz - Operation ohne weitere "Reparaturen" an Meniskus und Knorpel durchgeführt wurde, kann nach 2 Wochen das Gelenk dann bei reizlosem Zustand und voller Streckung ohne Gehstützen mit Orthese voll belastet werden.
Im Falle von Eingriffen am Gelenkknorpel ( Anbohrung zum Nachwachsen eines Faserknorpelgewebes bei einem tiefen Defekt oder bei Meniskusnähten sollte die Vollbelastung erst nach 6 Wochen erfolgen. Dies wird Ihnen der Operateur jedoch mitteilen.
Die Schiene sollte in den ersten drei Wochen möglichst Tag und Nacht getragen werden
Phase 3:
Wiedererlangung der vollen Belastungsfähigkeit mit Koordinationstraining und
Muskelaufbau.
Neben Mobilisation und Krafttraining im geschlossenen System stehen jetzt Dehnungstechniken im Vordergrund, um insbesondere die Oberschenkelvorderseite zu einer idealen Länge aufzudehnen. Mit dem eigentlichen Training im Kraftraum kann ab der 7. Woche begonnen werden. Zunächst Belastung mit der Beinpressmaschine um Kraft und Ausdauer zu verbessern. Beinstrecker ohne Rückhaltesystem am Schienbein sollten noch nicht durchgeführt werden, da hier eine vermehrte Belastung des Kreuzbandes auftreten kann. Beinbeugung kann jetzt zunehmend auch mit Gewichten trainiert werden.
Phase 4:
Die Wiedererlangung der vollen Sportfähigkeit ist das jetzige Therapieziel. Im
Vordergrund stehen Trainingsformen mit komplexen Koordinationstraining und
sportartspezifisch beginnenden Trainingsformen. Jetzt zunehmend Muskelkräftigung mit
Kraftmaschinen.
Der Zeitpunkt der Wiederaufnahme der vollen sportlichen Aktivität hängt von verschiedenen Faktoren ab nämlich Sportart, Sportniveau, Stabilität und Begleitläsionen im Gelenk. Jedoch sollte vor einer Wiederaufnahme der sportlichen Aktivitäten bei Kontaktsportarten d. h. verletzungsbedingten oder verletzungsgefährdeten Sportarten nicht vor 9 Monaten begonnen werden.
Die Anzahl der physiotherapeutischen Nachbehandlung mit Krankengymnastik sollte mindestens bei 3 x pro Woche liegen. Zusätzlich sollte der Patient zu Hause Streck- Beuge- und Dehnungsübungen durchführen.
Allgemeines:
In der Nachbehandlung sollte weder der Ehrgeiz des Therapeuten, das Knie des Patienten möglichst frei zu bewegen und aufzutrainieren, noch der Ehrgeiz des Patienten möglichst bald wieder mit seinem geliebten Sport anzufangen, im Vordergrund stehen. Ziel der gesamten Rehabilitation ist es, die Voraussetzung für eine volle Belastungsfähigkeit zu schaffen, nämlich ein reizloses Einheilen des Transplantates, welches in aller Regel 3 Monate dauert in Kombination mit freier Beweglichkeit und reizlosem Knie zu erzielen.
Man sollte immer daran denken, das ein Zuviel an Gymnastik, eine Produktion von Schwellungen und Schmerzen während der Gymnastik und eine zu forcierte Nachbehandlung sich negativ auf das Gesamtergebnis auswirken kann.